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"Eine Dichtung zwischen den Kulturen"

by Oliver Gassner
Thurgauer Zeitung, Kultur
September 16, 2003

Frauenfeld - Einen Schwerpunkt bei den alle zwei Jahre im Frauenfelder Eisenwerk stattfindenden Lyriktagen bildete diesmal die arabisch gesungene und gesprochene Lyrik. Den musikalischen Part hatte die mit israelischem Pass reisende Palästinenserin Kamilya Jubran mit ihrer Stimme und dem lautenähnlichen Oud. Die Künstlerin arbeitet sowohl mit klassischen arabischen Gedichtformen und Musikstilen wie auch mit emotional intensiven und musikalisch wie literarisch modernen Verarbeitungen der Erfahrungen in den gewalterschütterten und autoritären Gesellschaften der arabischen Welt.

Sehr vom Dialog mit Europa geprägt sind sowohl der 1930 geborene Libanese Fuad Rifka, der in Tübingen Philosophie studierte und die Bibel in modernes Arabisch übersetzte, als auch der in Paris lebende Marokkaner Abdellatif Laâbi, der in seiner Heimat gefoltert und acht Jahre inhaftiert worden war. Der 61-jährige Laâbi konnte wegen Krankheit nicht anreisen und seine Gedichte las Jochen Kelter. Die Bildwelten der beiden Autoren speisen sich aus der mediterranen Kultur, die auch die Basis europäischer Bildung darstellt, und zeigen so die gemeinsamen Wurzeln auf.

Interkultureller Dialog

Die jüngere Generation vertrat die 35-jährige Imân Mersâl aus Ägypten, deren Gedichte das neue Selbstbild der Frau in der arabischen Gesellschaft und die Probleme der Selbstbehauptung zum Thema haben. Politische Botschaften fügen sich dabei wie selbstverständlich und ohne Getöse in die Gedichte ein. «Ich persönlich brauche keine Stimme. / Achtet auf den Wohlstand! / Macht euch keine Gedanken über die Zukunft! / Denn ihr habt noch nicht einmal die Freiheit zu sterben!» In den Texten der Dichterin begegnen einem eher Zitate von Dostojewski oder eine französische Prinzessin als Versatzstücke aus Tausendundeiner Nacht.

Auch sonst standen die Lyriktage im Zeichen des interkulturellen Dialogs. Die Initialrede zur Lage des Gedichts hielt Yoko Tawada, geboren 1960 in Tokio, die in der Schweiz promovierte und seit fast 20 Jahren in Hamburg lebt. Ihr «Spaziergang über eine poetische Fläche» führt durch einen japanischen Garten des 17. Jahrhunderts. So wie Gärten haben auch Gedichte kein Ziel, ausser dem, einen Freiraum zu schaffen. Eine Botschaft ist weder direkt noch indirekt in einem Gedicht enthalten. Auch wenn der Dichtende eine bestimmte Vorstellung von dem hat, was er sich für seinen Text wünscht, so steht am Ende immer eine Überraschung.

Spiel statt Logik

In ihrem Workshop zeigte sich, zu welcher Art von Texten solche Überlegungen führen: Jede Sprachlogik wird zerbrochen, das Sprachspiel übernimmt die Regie. Ihre Texte entstehen in einem Dialog zwischen japanischem Original und deutscher Übersetzung. Bei der Übersetzung wird das Original wieder korrigiert und im Hin und Her entstehen die für Tawada typischen Sprachsaltos. «ein wort / direkt auf das trommelfell geschrieben / die trommel fällt / lautlos / stimmhaft / ein wort / ein ort.» Dass auch das Übersetzen zwischen den verwandten Sprachen Deutsch und Niederländisch schwierig ist, vermittelte Judith Herzberg in ihrem Workshop. Sie wurde 1934 in Amsterdam geboren und überlebte die deutsche Besatzung versteckt. Heute lebt sie abwechselnd in Holland und in Israel. Nicht selten fehlen Judith Herzberg die Worte, um zu erklären, warum eine deutsche Übersetzung die ganzen Nebenbedeutungen des Originals nicht trifft. Sie wünscht sich von Übersetzern mehr Mut zum ausgefallenen Ausdruck. Sprachkritik kennzeichnet viele ihrer Gedichte.

Ironische Erzählgedichte vor heimatlichem Hintergrund präsentierte der in Princeton lehrende Nordire Paul Muldoon. Pierre Imhasly aus dem Wallis montierte deutsche, spanische und französische Sprachsplitter zu episch breiten Panoramen. Thomas Venclova, der sein Heimatland Litauen 1977 verlassen musste und heute in Yale russische Literatur unterrichtet, ist vor allem Rhythmus und Reim verpflichtet. Postkommunistische Erfahrung und europäische Geschichte sind nur zwei seiner Themen.